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28/01/2005
Auf Kolumbus' Spuren zu einer europäischen Verfassung
Article paru dans Europaspiegel, magazine européen en ligne (http://www.europaspiegel.de/index/artikel130/page4/1)
EU-Konventsmitglied Alain Lamassoure über Europas zukünftige Verfassung
(Axel Balzer 12.03.2003) Ein langer, arbeitsreicher Wintertag an einer der renommiertesten "grandes écoles" Frankreichs, dem Institut d'Etudes Politiques Strasbourg geht zu Ende. Dennoch, das Audimax, hier bezeichnenderweise "amphithéâtre" genannt, ist gut gefüllt, und die Studenten erwarten Alain Lamassoure, französisches Mitglied des europäischen Verfassungskonvents.
Die "Jeunes Européens Strasbourg", eine sehr aktive Studenteninitiative, hat zur gemeinsamen Diskussion mit ihm über die zukünftige Verfassung des Europas von Morgen geladen.
Aus mehr als der ersten Hälfte der Veranstaltung wird für den überraschten Betrachter statt einer Diskussion ein Vortrag Lamassoures, und es scheint, als ob der für französische Universitäten so typische Rahmen aus monologisierendem Dozenten und jedes kleinste Detail mitschreibendem Studenten selbst einen solchen Abend in dieses starre Konzept zwängen werde. Doch es kam anders - dank des Redners.
Der weite Weg zu einer europäischen Verfassung
Lamassoure sprach über die Vorgeschichte des europäischen Konvents. Von großen Namen und großen Ereignissen, die alle ein Ziel verfolgten - das Ziel eines vereinten Europas. Er sprach von herausragenden Leistungen Jean Monnets wie Helmut Kohls, die allesamt das Haus Europas bauen wollten und wollen. Dafür begaben sie sich vor etwa fünfzig Jahren auf eine Reise - eine Entdeckungsreise à la Christoph Kolumbus, wie es Lamassoure nennt, auf der Suche nach dem für immer vereinten Europa. Schritt für Schritt käme man voran und lerne dabei nicht nur Anderes und Neues, sondern vor Allem auch sich selbst besser kennen. So taste man sich vor, sucht seine geographischen Grenzen und politischen Möglichkeiten. Man springe von Insel zu Insel - von Maastricht nach Amsterdam, von Amsterdam nach Nizza und schaue ab und zu hinüber in das "Land der 50 vereinigten Staaten".
Momentan befinde Europa sich wieder auf dem weiten Meer, getrieben von der Sehnsucht, sich aus dem Fahrwasser von Demokratiedefizit und Schwerfälligkeit zu befreien und Europa endgültig eine "architecture dure", eine solide und beständige Architektur zu geben.
Die Aufgaben des Verfassungskonvents
Dies, so Lamassoure, sei die Triebkraft der Einrichtung des europäischen Verfassungskonvents, der vor Allem auf drei große "révolutions" der noch jungen, gemeinsamen Geschichte der EU reagieren müsse: Zunächst die bereits angesprochenen historischen Entwicklungen der EU, die mehr und mehr danach verlangen, dem Haus Europa ein beständiges Fundament in Form einer Verfassung zu geben. Des Weiteren gelte es, auf den zukünftig enormen zahlenmäßigen Anstieg der Mitgliedsländer zu reagieren und letztlich, als wichtigsten Punkt, Europa endlich zu den Menschen zu bringen. Die Europäische Union, so Lamassoure, wurde bis jetzt "non-démocratique" über den Köpfen der Menschen hinweg errichtet, und es bedürfe schon der europapolitischen Kenntnisse einer "IEP Strasbourg- Studentin", die Entscheidungsstrukturen der EU zu durchschauen.
Ein rhetorisch brillanter Überzeugungstäter
Ein geschmeicheltes Raunen ging durch den Saal, und man spürte förmlich, wie der Redner das Publikum für sich gewann. Sicher, es war ein Abend unter Gleichen. Alain Lammassoure, der für das französische politische System so typische Karrierefunktionär im Gespräch mit der zukünftigen "élite de la nation", die die Absolventen der "grandes écoles" in Frankreich ohne Zweifel sind. Dennoch, den bleibendsten Eindruck des Abends für die Zuhörer hinterließen weniger neue Erkenntnisse über den EU-Verfassungskonvent, als vielmehr die Person Alain Lamassoure selbst. Sprachlich brillant, mit Witz, Charme und Esprit gab Lamassoure einen blendenden Eindruck in die ganze Bandbreite der Möglichkeiten politischer Rhetorik. Ohne Skript und ohne "äh", mit anschaulichen Beispielen und sympathischer Volksnähe gelang es Lammassoure spielend, sein Publikum für sich zu gewinnen. Eine Fähigkeit, die in dieser Vollkommenheit nicht nur unter den mitlauschenden Professoren rar ist, sondern vor Allem leider auch unter den großen Politikern Europas. Es bedarf keiner gewagten These, um zu behaupten, dass ein mehr an solch leidenschaftlichen, anschaulichen Plädoyers für Europa den normalen Menschen die heutige EU weniger abstrakt und undurchschaubar erschienen ließe.
Deshalb, "chapeau! Monsieur Lamassoure", aber bitte lassen Sie uns doch beim nächsten Mal noch ein wenig mehr über unsere zukünftige europäische Verfassung selbst erfahren und diskutieren - gemeinsam gegen "l'Europe sans peuple".
Zur Person:
Alain Lamassoure, Jahrgang 1944, ist Vertreter des Europäischen Parlaments im EU-Konvent. Der ENA-Absolvent hat bereits auf sämtlichen politischen Ebenen in Frankreich wie Europa gearbeitet. So war er u.a. Bürgermeister von Anglet, Abgeordneter der Nationalversammlung, Europaminister unter Edouard Balladur und Finanzminister unter Alain Juppé. Zurzeit ist Lamassoure Europaabgeordneter Frankreichs in der Gruppe der „Parti Populaire Européen“.
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